Die nichtadligen Derschfamilien,

 Ursprung und Zusammenhänge

Wenn wir uns über den Ursprung der bäuerlichen Familie Dersch Gedanken machen, müssen wir einen möglichen gemeinsamen Ursprung mit der gleichnamigen Adelsfamilie in Betracht ziehen.

Der Adel, soweit er zu dem sogenannten Uradel gehört, entstammt dem freien Bauerntum. Als gesellschaftlicher Stand entwickelte er sich aus dem Rittertum, den aus dem Bauernstand stammenden Reitersoldaten, welche die Militärmacht der Landesherren bildeten. Da sie ihren Herren jederzeit zur Verfügung stehen mußten, bewirtschafteten andere Bauern für sie ihre Höfe. Viele wohnten dauerhaft als Burgmannen in den Burgen, den Militärstützpunkten der damaligen Zeit. Durch spezielle Ausbildung in der Militärtechnik ihrer Zeit, einer erweiterten Bildung, strengen Regeln für die Lebensführung und von den Landesherren verliehenen Vorrechten bildeten sie eine Gesellschaftsschicht, die sich von der übrigen Bevölkerung abhob. Daß die Angehörigen des Adelsstandes in der Regel Partner aus ihrer Gesellschaftsschicht wählten, förderte die Abgrenzung von ihren bäuerlichen Herkunftsfamilien. Die Überlegenheit des Adels beruhte auf seiner militärischen Kraft und

—“Geld ist Macht!“— seiner wirtschaftlichen Stellung, die er durch besitzorientierte Heiratspolitik und familienbesitzsichernde Erbgesetze verstärkte.

Trotzdem waren die Grenzen zwischen den Ständen fließend. Innerhalb des Adels gab es Rivalitätenkämpfe. Adelsfamilien, die an Bedeutung verloren, fielen aus dem Machtkartell heraus. Ländliche Adelsfamilien landeten, wo sie hergekommen waren, im Bauerntum, städtische Adelsfamilien gingen im Besitzbürgertum auf.

Diese Familien führten nicht mehr das Adelsprädikat. Sie verzichteten auf das “von“, das sichtbare Zeichen des Adelsstandes. Anfangs gab es nur die Namen, die wir heute als Vornamen bezeichnen. Selbst die ältesten und bedeutenden Adelsgeschlechter beschränkten sich darauf. Nach den “Leitnamen“ dieser Stammesführer und Herrengeschlechter entstanden die Geschlechternamen, mit denen wir die Angehörigen dieser Familien heute benennen, z.B. nach Merowech die Merowinger, nach Pippin die Pippiniden, nach Karl die Karolinger und nach Giso die Gisonen. Mit dem Aufkommen des Adelsstandes und der Gründung städtischer Gemeinwesen nahmen immer mehr Familien einen Zusatznamen an, der die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Familie kennzeichnete. Die Ritterfamilien wählten ihren Namen zumeist nach ihrem Herkunftsort oder dem Standort ihrer befestigten Behausung. Bauern— und Bürgerfamilien, die anfangs bei Herkunftsnamen ebenfalls das “von“ stehen hatten, ließen es fort, wie die “von“ Wenckbach, die dann schlicht Wenkbach hießen, oder die “von“ Kombach, die ihren Herkunftsnamen in Kombecher umwandelten.

Wo gleiche Herkunftsnamen mit und ohne Adelsprädikat nebeneinander vorkommen, besteht die Möglichkeit, daß es sich bei der Familie mit bürgerlicher Schreibweise des Namens um eine Familie handelt, die den Lebensstil ihrer Gesellschaftskreise nicht aufrecht halten konnte und die Konsequenz besaß, auch in der Namensführung die Änderung

ihres Status zu dokumentieren.

Die Zahl dieser Familien ist sicherlich umfangreicher als allgemein angenommen. Im Verbreitungsgebiet der Dersch kommen auch die Linne vor, vermutliche Nachkommen der Frei von Linne, die Huhn als wahrscheinliche Nachkommen der Huhn von Ellershausen und Rehn/Rehen, möglicherweise als verbürgerlichte Nachfahren der Rehen von Rhena. Einige Zweige der adligen Familie Winter haben sinnvollerweise das Adelsprädikat nicht geführt. Auch die Friling (Freiling) haben trotz Adels niemals das Adelsprädikat benutzt. Das erleichterte den Übergang dieser Familien in den Bürger stand.

Ohne eine neue Theorie aufstellen zu wollen, möchte ich bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen, daß sich die Fett zu Anfang auch Fedder und Fittich (=Flügel) schrieben, der Flügel das Wappenzeichen der von Hohenfels ist und die Fett ansässig waren, wo die Hohenfels Besitz und Rechte besaßen.

Bastardlinien führten häufig abweichende Namen. Eine Bastardlinie der von Biedenfeld nannte sich Berghöfer.(Dr.Henseling,a.a.O.HFk.Bd.1O H.8.Sp.334). Und der erste Gernandt in Wetter ist der uneheliche Sohn des Amtmanns Gottfried von Hatzfeld in Wetter.(Nachlaß Dr.Henseling)

Der Name Hofmeister (bedeutungsverwandt mit Meyer) kann unabhängig voneinander an verschiedenen Orten entstanden sein, aber für die Hofmeister in unserer Ahnenheimat kenne ich als Ausgangspunkt nur die von J.von Brockhusen dargelegte Abstammung einer Hofmeister—Familie von dem “ehrbaren Knecht“ Heinrich von Rauschenberg, dem illgitimen Sohn Graf Gottfried VI. von Ziegenhain. (Festschrift “200—Jahrfeier d. Kirche in Goßfelden, Ahnenliste Bang;

H.Göbel: Ahnenliste der Geschwister Wiskemann)

Überraschend, aber logisch ist der Umstand, daß beim Übergang vom Adel in den Bürger—oder Bauernstand sich die illegitime Abkunft von einer bestimmten Adelsperson auf Grund der damit verbundenen Rechtsvorgänge leichter nachweisen läßt als die allmähliche Verbürgerlichung einer Adelsfamilie. Auch bei den Dersch finden wir dafür Beispiele. Etliche der illegitimen Nachkommen der von Dersch konnten durch spätere Legitimation für sich und einige Folgegenerationen den Adelsstatus in Anspruch nehmen.

Ich bin fest davon überzeugt, daß die bäuerlichen und die adligen Dersch nicht nur einen gemeinsamen Ursprung haben, sondern daß die bäuerlichen Dersch der Adelsfamilie entstammen. Wo die Adelsfamilien Besitz hatten, sind auch die Bauernfamilien Dersch zu Hause. In der näheren Umgebung des Verbreitungsgebiets der Dersch gibt es keinen Ort, nach der zwei Familien unterschiedlichen Standes unabhängig voneinander den gleichen Herkunftsnamen gewählt haben könnten. Ich halte die Annahme, daß die Familie Dersch ihren Namen nach einem gleichnamigen Westerwalddorf trägt, für zutreffend. Heldmanns Vermutung, daß die Familie Dersch ihren Namen auch nach einem jetzt wüsten Hof bei Battenberg tragen könnten, teile ich nicht. Die Mehrzahl der Höfe trägt den Namen der Besitzerfamilie. Bei Einheirat wurde dann der Hofname Hausname. Ehe sich die Familiennamen fest einbürgerten, kam es vor, daß der Hausname als Familienname übernommen wurde. Der Derschhof lag bei Battenberg, wo die Dersch schon früh zur Burgmannschaft gehörten. Man kann davon ausgehen, daß die Burgmannen von Dersch bei Battenberg einen Hof besessen haben, der ihren Namen trug.

Wenn wir nach dem adligen Stammvater der bürgerlichen Dersch suchen, kommen wir nicht umhin, die von Pfarrer Stroh bestätigte Urkunde zu berücksichtigen, nach der 1551 Nicolaus Dersch als Sohn Johanns von Dersch d.A. aus dessen erster Ehe mit einer nichtadligen von Beyer stammt. Wir kennen den Text der Urkunde nicht. Ich bin davon überzeugt, daß es sie gibt, eine Manipulation halte ich für ausgeschlossen. Aber schon die “erläuternde“ Angabe, daß Nicolaus aus der Ehe mit einer “nichtadligen“ von Beyer stammt, halte ich für eine genealogische Spekulation. Sie steht auch im Widerspruch zu Heldmanns Aussage (Heldmann: Geschichte d. Geschl. Dersch, a.a.O.,S.352), der von 3 ebenbürtigen Frauen Johann von Dersch d.A. spricht, wobei er die erste Frau als kinderlos bezeichnet. Auch die Bemerkung Karl Derschs aus Gießen, der in einem Brief vom 2.6.1920 (Mitt.Dersch, H.8, 1985) schreibt:

“Es ist sehr schwer, den Vater des Matthias Dersch festzustellen, der 1643 in Treisbach starb,“ deutet darauf hin, daß es sich bei den Abstammungsüberlegungen um spekulative genealogische Schlußfolgerungen handelt. Wir müssen weiter zurückgehen, wenn wir Daten finden wollen, auf denen wir eine Argumentation stützen können. Hillebrand Gaugrebe und Margarethe von Holzheim, die 1472 geheiratet haben, sind die Eltern der Schwiegermutter des Rabe von Dersch, die mit einem von Hanxleden verheiratet war. Es ist nicht anzunehmen, daß sie vor 1490 verheiratet war. Als Datum der Eheschließung des Rabe von Dersch mit Anna von Hanxleden kommt ein Zeitpunkt um 1520 in Frage. Ihr erstgeborener Sohn Johann von Dersch d.A. muß bei der urkundlichen Nennung 1551 etwa 30 Jahre alt gewesen sein.

Die in den Mitt. Dersch, H.8,1985 aufgestellte Abstammungstheorie, nach der Peter Dersch, konf.1637 in Treisbach als Sohn des Matthias Dersch über eine unbekannte Zwischengeneration von Nicolaus Dersch abstammt, kann so nicht stimmen. Die Vermutung einer Zwischengeneration beruht wahrscheinlich auf der irrigen Annahme, daß sich Nicolaus Dersch bei seiner Nennung bereits im Erwachsenenalter befunden habe. Nach den Lebensdaten der Eltern und Voreltern des Johann von Dersch kann dieser beim Zeitpunkt der Nennung 1551 nicht älter als 30 Jahre gezählt haben, und sein Sohn Nicolaus befand sich im Kindesalter. Vor 1570 hat der sicherlich nicht geheiratet. Da ist kein Platz mehr für eine Zwischengeneration. Da Peter Dersch 1637 konfirmiert wurde, muß er um 1625 geboren sein. Rein rechnerisch könnte somit der als Vater des Peter Dersch angegebene Matthias Dersch nicht ein Enkel des Nicolaus Dersch gewesen sein, allenfalls sein Sohn.

Ich kenne keine Quelle, die einen Beweis für die Abstammung der Bauernfamilie Dersch von Johann von Dersch d.A. liefert. Das schließt Johann von Dersch als Ahnvater nicht aus. Ich werde mich an anderer Stelle dazu äußern, was gegen und was für die Annahme spricht, daß Johann von Dersch d.A. als Ahnvater heutiger Derschfamilien in Frage kommt, möchte mich zuvor aber mit den verwandtschaftlichen Zusammenhängen der frühen Derschfamilien befassen.

Wir müssen uns auch der Tatsache bewußt sein, daß in der Geschichte des Geschlechtes Dersch von Heldmann nicht alle adligen Dersch erfaßt sind. Nur die Vertreter der Familie, die auf Grund ihrer Bedeutung oder ihrer Rechtshändel urkundlich erfaßt sind, treten in Erscheinung. Selbst wenn wir uns auf die von Heldmann vorgestellten Angehörigen der Adelsfamilie Dersch beschränken, finden wir dort Familienzweige, aus denen die verbürgerlichten Dersch hervorgegangen sein könnten.

Im Jahre 1409 verpfändet Henne Pfefferkorn seinen Hof zu Treisbach, der früher dem verstorbenen Ludwig Stintz zu Wetter gehörte, für hundert Goldgulden dem aus dem Battenberger Burgmannengeschlecht stammenden Johann von Dersch, Arnolds “des jetzigen Rentmeisters Sohn“. Dieser Familienzweig wird in Heldmanns Geschichte des Ge- schlechtes nicht weiter behandelt, möglicherweise, weil er nicht zum Kreis der Belehnten gehörte und wenig urkundliche Spuren hinterlassen hat. Als Rentmeister gehörten Arnold und sein Sohn Johann gesellschaftlich in die Mischzone des gehobenen Beamtenbürgertums und könnten den Übergang vom Adel in den Bürgerstand vollzogen haben.

Über Johann von Dersch aus Wiesenfeld, genannt von Wolkersdorf, (1440 / 1458) schreibt Heldmann, daß er “soweit ersichtlich“ keine Nachkommenschaft gehabt habe. Mit dieser Formulierung schließt Heldmann nicht aus, daß dieser Johann von Dersch Nachkommenschaft gehabt haben könnte.

Die beigefügten genealogischen Tafeln sollen dem Verständnis meiner Ausführungen dienen und zusammen mit der Stammfolge es erleichtern, die eigene Ahnenliste aufzustellen und seinen Standort innerhalb der Derschfamilie zu finden. Nur die durchgezogenen Linien zeigen als sicher anzusehende Abstammungsverhältnisse an. Die gestrichelten Linien stellen vermutete Verbindungen dar. Wo die Vermutung Spekulationscharakter hat, habe ich auf Verbindungslinien verzichtet.

In der Tafel I sind u.a. die frühesten Mitglieder der Familie Dersch erfaßt, die in den Kirchenbüchern von Treisbach und Niederasphe ohne das Adelsprädikat genannt werden. Ebenfalls berücksichtigt sind die spärlichen Vorkommen der Dersch in den Saalbüchern von 1570 und 1580 dieser und anderer Ortschaften im Amte Wetter. Die

—gemessen an anderen Bauernfamilien dieses Raumes— geringen Nennungen der Familie Dersch lassen darauf schließen, daß die Abspaltung von der Adelsfamilie wahrscheinlich im 16. Jahrhundert erfolgt ist. An Hand der genealogischen Tafeln und der Stammfolge läßt sich nachweisen, daß die heutigen Familien Dersch weitgehend einen nachweisbar gemeinsamen Ursprung haben. Der Kinderreichtum in den älteren Familien ist die Ursache, daß der Familienname Dersch bis heute im Herkunftsgebiet der Familie nicht selten ist.

Die ältesten Vertreter der nichtadligen Dersch sind der 1623 im Alter von 98 Jahren in Treisbach gestorbene Hans .Dersch, der weder im Saalbuch von 1570 noch in dem Saalbuch von 1580 als Einwohner in Treisbach erwähnt wird und somit aus einem anderen Ort zugezogen sein muß und der zur gleichen Generation gehörende Heintz Dersch in Mellnau. Es gibt keine Erwähnung, nach der wir den c. 1525 geborenen Hans Dersch mit anderen Treisbacher Derschfamilien in Verbindung bringen könnten.

Der 1568 erwähnte und im Saalbuch von 1570 als Besitzer von Rodeäckern in Mellnau genannte Heintz Dersch soll um 1530 geboren sein. Sein Sohn Peter wird 1592 erwähnt. Katharina Dersch, nach Mitt.Dersch (H.10,1987, s.9) 1630 geboren, 1650 verheiratet mit Nikolaus Engel in Ernsthausen/Fkb., 1675 in Ernsthausen/Fkb. begraben, hält man für ihre Nachfahrin. Sie könnte nach ihren Lebensdaten eine Enkelin des Peter Dersch gewesen sein. Verwandtschaft zu den übrigen bäuerlichen Derschfarnilien kann nur vermutet werden. Beweise gibt es nicht. Daß Katharinas mutmaßlicher Großvater und der (in Mitt.Dersch H.8,1985) als Sohn des Matthias Dersch d.J. angegebene Peter den gleichen, sonst bei den frühen Dersch nicht üblichen Vornamen Peter führen, eignet sich nicht als verwertbares Indiz für eine Verwandtschaft beider Familien, da Vornamen auch durch Patenschaften der Mütterlinien vermittelt worden sein können.

Die oben genannten Hans und Heintz Dersch gehören altersmäßig in die gleiche Generation wie Johann von Dersch d.A., können also nicht dessen Nachfahren sein. Matthias Dersch d.A. in Treisbach, Borndeiß genannt, ist, aus Todesdatum und Altersangabe errechnet, c. 1555 geboren. Er kann kein Sohn des Nicolaus Dersch sein, da er mit diesem generationengleich ist.

Matthias Dersch d.A. scheint aus Niederasphe nach Treisbach zugewandert zu sein. In Niederasphe wird ein “fleiß Dersch —Hens“ im März 1583 Pate eines Sohnes des Curt in der Bach. Der Text im Original muß schwer lesbar gewesen sein; denn Dr. Henseling schreibt in der Kopie “Derts“ und setzt ein Fragezeichen dahinter. Bei dem Namen Dersch war zu dieser Zeit noch die Schreibweise Ders und Derß üblich. Der Buchstabe “ß“ ähnelt in der Schreibschrift einem “ts“.

Ich halte den Zusatz “Hens“ hinter dem Namen Derß für einen Hinweis auf die Abkunft von einem Hens. (Hens ist eine der Kurzformen für Johannes). Hens war sicherlich der Vorname des Vaters des Matthias. Als Zufügung zur Unterscheidung von anderen Derschfämilien wäre das nicht nötig gewesen. Deis Dersch ist der einzige Namensträger Dersch, der in dieser Zeit im Kirchenbuch von Niederasphe Erwähnung findet. Matthias Dersch führt in Niederasphe nicht den Beinamen Borndeiß. Den hat er wahrscheinlich nach der Ubernahme des “Hofes am Born“ in Treisbach erhalten. Daß es der Deiß Derß (Derts) aus Niederasphe ist, der als Borndeiß in Treisbach erscheint, kann man aus der Tatsache schließen, daß sein Sohn Hans seine Frau aus Niederasphe holt, wo er zuvor gelebt hat. Deren Sohn, wiederum ein Hans, siedelt wie der nach Niederasphe über und wird der Begründer der Niederaspher Derschlinie.

Matthias Dersch d.A. ist wahrscheinlich durch seine Ehe mit Elisabeth (Wetscher), möglicherweise durch Erbübernahme eines Gutes seiner Ehefrau nach Treisbach gekommen. Matthias Sohn Hans führt den Beinamen Wetscher nach dem Familiennamen seiner Mutter, die vermutlich eine Tochter des Hans Wetscher und dessen Frau Else war, die nach dem Saalbuch von 1570 zu den Bauern in Treisbach zählten, die freies Eigentum besaßen, das nicht zu den dienstbaren Höfen gehörte.

Der Borndeiß trägt seinen Beinamen nach der Lage seines Hofes am “Born“. Sein Sohn Hans, der Wetscher, war vermutlich der Hoferbe; denn sein Hof lag am “Born“, dem Dorfteich. Das erfahren wir durch einen Begräbniseintrag im Kirchenbuch Treisbach, dem wir entnehmen können, daß der jüngste Sohn des Wetscher im Alter von 3 Jahren im Januar 1631 “im Pfuhl vor der Haustür“ ertrunken ist.

Nach Auskunft von Hermann Dersch in Treisbach erinnern noch heute zwei Hofnamen an die Familie Wetscher, sei es nun an die echte, früh im Mannesstamme ausgestorbene Familie oder an die Dersch—Wetscher, die den Namen als Beinamen einer besonderen Dersch—Wetscher—Linie am Leben hielten. Nach Hermann Dersch gibt es in Treisbach einen Wetscher—Hof und einen “ahle Wetschers—Hof“, die beide in der Nähe der Kirche liegen. Sie müssen demnach zu den ältesten Höfen in Treisbach gehören. Man kann annehmen, daß der “ahle—Wetscher—Hof“ zum Besitz der ausgestorbenen Familie Wetscher gehörte, der Wetscher— Hof dagegen sich im Besitz der Namensnachfolger Dersch—Wetscher befand.

Im Begräbniseintrag des 60—jährig gestorbenen Matthias Dersch d.Ä. vom 18.März 1615 steht der Zusatz (übersetzt) “unter Hinterlassung von 4 Kindern“. Diese müssen zu diesem Zeitpunkte dem Kindesalter entwachsen gewesen sein und hatten vermutlich bereits selbst Familien gegründet. Da es für diese Kinder noch keine Taufeinträge gibt, nach denen man sie identifizieren könnte, sind wir bei der Zuordnung auf Indizien angewiesen. Wie schon erwähnt, scheint Hans Dersch, der Wetscher, der Hoferbe gewesen zu sein. Daß der junge Deiß Dersch ebenfalls den Beinamen Borndeiß trägt, weist auf die Zugehörigkeit zu dieser Familie hin. Wir müssen ihn als einen Sohn Borndeiß d.A. ansehen.

Auch eine Schwester läßt sich nachweisen, von der ich bisher noch nicht sagen kann, mit wem sie verheiratet war. Aus einem Taufeintrag im Kirchenbuch von Treisbach wissen wir, daß die Tochter der Schwester des Hans Dersch, die nach der Namensgebung des getauften Kindes vermutlich Maria hieß und Magd bei Hans Wagner war, die Patenschaft bei der Taufe einer Tochter des Hans Dersch (dessen 8. Kind) übernimmt.

Und auch das vierte Kind läßt sich ermitteln. Johannes Dersch, ein Schäfer ( Ort —wohl der Berufsausübung— nicht lesbar) wird als Bruder des Vaters zusammen mit der Tochter des Lukas (Dersch) aus Buchenau Pate bei einem Sohn Matthias Dersch d.J.. Aus dem letztgenannten Taufeintrag kann man zudem schließen, daß die Verwandtschaft zu Matthias Dersch bereits eine Generation früher begründet worden sein muß.

In diesem Zusammenhang tauchen Fragen auf, die ich nicht beantworten kann. Ich stelle sie trotzdem, weil ein anderer vielleicht die Antworten darauf findet.

Sind Lukas (Dersch) aus Buchenau und Maria Dersch, die 1622 in Treisbach stirbt, vielleicht Geschwister? Kinder, des vermutlich aus Holinde stammenden Hans (Wilhelm) Dersch? Und dieser ein Bruder Matthias Dersch d.A.? Und diese beiden, Brüder des Nikolaus? Man denke an die Formulierung, Nicolaus, der “einer“ der Söhne Johann von Derschs d.A. aus dessen erster Ehe mit N VON BEVER war. Nach Mitt. Dersch, 11.4, 1985 soll Peter Dersch ein Sohn Matthias Dersch d.J. sein.— Wenn ich in der Familienforschung zu anderen Ergebnissen als ein anderer Genealoge komme, der sich mit dem selben Thema befaßt hat, frage ich mich, ob ihm andere Quellen als mir zur Verfügung standen. Ich habe keinen Hinweis dafür entdeckt, daß man Peter Dersch als einen Sohn Matthias Dersch d.J. ansehen könnte.

Am Christtag des Jahres 1637 werden zu Treisbach zwei Familienmitglieder der Familie Dersch konfirmiert. Sie stehen an der Spitze der aufgezählten Konfirmanden. Es sind dies Peter Dersch aus Oberndorf und Johannes Dersch in Treisbach, Deis Dersch Sohn. Wenn Peter Dersch ein Sohn Matthias Dersch d.J. sein sollte, müßten er und Johannes Brüder sein. Ich habe mich natürlich gefragt ‘Wie kommt es dann, daß der eine in Oberndorf, der andere in Treisbach lebt?‘

Bei Berücksichtigung der Zeitumstände und nach den urkundlichen Spuren der Familie könnte man schon eine Erklärung finden. Es ist die schlimme Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Im Lande wütet die Pest. Im Juni 1636 stirbt die Ehefrau des Matthias Dersch in Münchhausen. Im Juli 1636 wird in Treisbach eine seiner Töchter begraben, wahrscheinlich Anna, die 1622 geboren wurde. Schon im Mai 1636 war Enchen, eine Schwester des Merten Schmidt begraben worden, die zu dieser Zeit sich allein in Deiß Dersch Haus aufhielt. Aus welchem Grund auch immer, zeitweilig lebte die Familie nicht in ihrem Heim in Treisbach. Da wäre es auch denkbar, daß die Familie aufgeteilt bei verschiedenen Verwandten wohnte. Im November 1636 heiratet Matthias seine zweite Frau, von der wir nur ihren Vornamen Merge kennen.

Ich möchte diese Überlegungen nicht unterschlagen, obwohl ich meine, daß sie überflüssig sind, weil ich Peter nicht für einen Sohn des Matthias Dersch halte. Es wäre wohl möglich, daß zwei Kinder unterschiedlichen Alters aus familiären Gründen gemeinsam konfirmiert werden, aber in der Aufzählung der Konfirmanden dienen die Zusätze, bei Peter “aus Oberndorf“ und bei Johannes “Deis Dersch

Sohn offensichtlich der Unterscheidung der Zugehörigkeit zu verschiedenen Familien. Hinzu kommt, daß von den Kindern Matthias Dersch d.J. die Taufeinträge bekannt sind. Einen Taufeintrag für Peter Dersch finden wir nicht. Auch bei den Patenschaften der zahlreichen Kinder des Peter Dersch finde ich keinen Hinweis auf eine Abkunft von Matthias Dersch d.J..

Ich vermute eher, daß Peter ein Sohn des Bruders von Matthias Dersch d. J. gewesen sein könnte, ein Sohn des Johann Dersch, der als Schäfer auch nicht ständig in Treisbach gelebt hat. Aber dafür gibt es leider auch keine Beweise. Ob Peter nun von Matthias Dersch d.J. oder dem Schäfer Johann Dersch abstammt, in beiden Fällen wäre er ein Enkel Matthias Dersch des Alteren. Ehe ich nun die Stammfolge Dersch in Listenform in Verbindung mit weiteren genealogischen Tafeln weiterführe, möchte ich noch einmal auf die Frage eingehen, was gegen und was für die Annahme einer Abkunft der bäuerlichen Derschfamilien von Johannes von Dersch d.A. (* c.1520,+ 1590) spricht.

Wir können mit der Feststellung beginnen, daß Johann von Dersch d.A., falls er als Ahnvater bäuerlicher Derschfamilien in Frage kommt, nicht Vorfahr aller hier genannter Dersch sein kann; denn er ist Altergenosse von Hans Dersch, + Treisbach 1623, * c.1525, und des Heintz Dersch in Mellnau, der c.1530 geboren sein soll. Diese kommen auch nicht als Söhne des Rabe von Dersch in Frage, der um 1520 Anna von Hanxleden heiratete und dessen nach dem Tode seiner Frau gezeugten illegitimen, später durch Heirat der unehelichen Mutter legitimierten Kinder bekannt sind. Hans und Heintz Dersch werden, so darf man annehmen, selbst Nachkommenschaft gehabt haben, und man kann nicht ausschließen, daß sie die Stammväter der hier behandelten Familien Dersch sind.

Wie bereits mehrmals beteuert, gehe ich von der Existenz der von Pfarrer Stroh bestätigten Urkunde aus. Wir kennen den Text der Urkunde nicht, aber eines wird trotzdem behauptet werden dürfen. Daß Nikolaus, eventuelle Brüder und deren Nachfahren den Adel später nicht fortführen würden, läßt sich aus der Urkunde ganz bestimmt nicht belegen. Alle mit dieser Frage und der Standesbewertung der N. von Beyer zusammenhängenden Feststellungen werden genealogische Spekulationen gewesen sein. Daß sich ein Teil dieser Spekulationen gut begründen lassen, erkennt man, wenn man sich mit der Lebensgeschichte Johann von Derschs beschäftigt.

Vielleicht hat Heldmann aus der Tatsache, daß es keine Belege für Rechtsansprüche erstehelicher Kinder gibt, geschlossen, daß die erste Ehe Johanns kinderlos geblieben ist. Aber dafür, daß die erstehelichen Kinder in Rechtsvorgängen nicht in Erscheinung treten, gibt es eine einleuchtende Erklärung.

Nachdem Johann von Dersch 1564 den Junker Johann von Viermünden erschossen hat, wird 1566 die Reichsacht über ihn verhängt. Sie versetzt ihn (Heldmann “Geschichte des Geschlechtes Dersch, a.a.0. S.256/257) “aus dem Fried in den Unfrieden und erlauben, sein Leib und Gut zur Rache jedermänniglichem, also daß er von nun hinfort zu Wasser und zu Lande unsicher, und von einigen Menschen weder behauset, beherbergt, geätzt oder getränket oder ihm sonst in an dere Wege Hülfe, Rath, Vorschub oder Unterschleuff geben, gestattet oder vergünstigt, sondern wie ein offenbarer Echter (Geächteter) von menniglichen zu freien Rach an Leib und Gut soll und vermöge verfolget und gebracht werden.“

Infolge dieses Urteils wurden Johannes und seine Erben von den hessischen Lehen ausgeschlossen. Das war nicht mit der Aberkennung des Adelsstatus gleichzusetzen, aber der Verlust ihrer Adelsrechte in Hessen könnte die eventuellen Söhne dazu bewogen haben, später das Adelsprädikat nicht mehr zu führen. Zum Zeitpunkt der Achtung seines Vaters war Nicolaus älter als 15,sein möglicher Bruder 9 Jahre alt.


Noch 1587 bemüht sich Johann von Dersch um seine Rehabilitation. Als er 1590 stirbt, ist ein Urteil noch nicht gefällt. Die Vormünder der minderjährigen Kinder des Johann von Dersch aus dritter Ehe kämpfen um die Wiederzulassung dieser Kinder zu den hessischen Lehen, was 1610 auch erreicht wird. (Heldmann a.a.0. S.352). In den Genuß dieser Entscheidung sind die eventuellen erstehelichen Kinder nicht gekommen. Vier Jahre nach Aufhebung der “Sippenhaftung“ stirbt Matthias Dersch d.A.; ob der mehr als vier Jahre äl­tere Nicolaus noch lebt, wissen wir nicht. Sie mußten ihr Leben schon früher anders geordnet haben.; denn auch an wirtschaftlicher Hilfe hätten sie von ihrem Vater nicht viel zu erwarten gehabt. Nach Heldmann (a.a.0. S.352)hinterließ Johann von Dersch bei seinem Tode 400,000 Taler Schulden.

Wenn es um die Frage geht, ob Nicolaus und Matthias nach ihren Lebensdaten ersteheliche Kinder des Johann von Dersch gewesen sein könnten, ist es wichtig, die Daten seiner Eheschließungen zu kennen. Leider ist uns nur das Heiratsdatum seiner dritten Ehe bekannt. Am 8.12.1573 heiratete Johann Felicitas von Kirndorf gn. von Liederbach. Alle anderen, seine früheren Ehen betreffenden Daten müssen wir erschließen. Aus zweiter Ehe sind vier Kinder bekannt. Die beiden Töchter werden im Kloster Keppel erzogen, die beiden Söhne von einem Lehrer in Battenberg unterrichtet. Die Söhne besuchen ab 1573 das Pädagogium in Marburg. Sie könnten sich in einem Alter von 10—14 Jahren befunden haben. Man kann also davon ausgehen, daß Johann die zweite Ehe um 1560 geschlossen hat. Da Nicolaus bereits 1551 genannt wird und Matthias 1555 geboren wurde, wäre es durchaus möglich, daß sie aus der ersten Ehe Johann von Derschs stammen, der vermutlich nach 1520 geboren wurde und, wenn man Erfahrungswerte zu Grunde legt, seine erste Ehe um 1545 geschlossen habe könnte.

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, daß die Söhne zweiter Ehe just ab dem Zeitpunkt das Pädagogium in Marburg besuchen, als der Vater die dritte Ehe schließt. Das braucht man nicht zu kommentieren. Und wir erfahren durch diese Mitteilung auch, wo sich Johanns Familie aufhielt, wenn sich der Vater auf einem Kriegszug oder auf der Flucht befand, in Battenberg oder, wie wir aus anderer Quelle wissen, in Viermünden.

Die Ritterfamilien waren “Bauern“ und Soldaten. Die halbverwaisten erstehelichen Söhne könnten ihre Ausbildung auf einem der Derschhöfe erhalten haben, wie zum Beispiel in Warzenbach, wo Hans Wagner und Peter Croll nach dem Saalbuch von 1570 Mitbesitzer eines Derschengutes waren. Vielleicht lassen sich die vielen Wagnerschen Patenschaften bei den frühen Derschfamilien dadurch erklären?

Als Matthias Dersch d.Ä.1615 in Treisbach stirbt, lobt der Pfarrer im Kirchenbuch, daß Matthias Dersch ein frommer Mann gewesen sei, der “sich redlich von seinen Ländereien genähret“ habe. Muß man das besonders erwähnen? Ist das nicht für jeden Landwirt eine Selbstverständlichkeit? Die Eintragung bekommt dann einen Sinn, wenn man davon ausgeht, daß Matthias Dersch ein Sohn von Johann von Dersch d.Ä. gewesen sein sollte. ­Wenn es damals schon “Bild“ und “Bunte“ gegeben hätte, dann hätten die Dersche manche Schlagzeile geliefert. Sie gehörten nicht zu den zahmen Landadelfamilien, die uns in den Quellen vorwiegend bei Grundstücksgeschäften und, wenn sie bedeutender waren, als kirchliche Würdenträger begegnen.

Die Brüder von Dersch standen in den Diensten verschiedener Kriegsherren, waren Französische Oberste. Volpert errang höchsten Kriegsruhm, als er in der Schlacht von Dreux den Connetabel Herzog von Montmorency gefangen nahm, was ihm ein hohes Lösegeld einbrachte. Johann von Dersch wurde Raubrittertum vorgeworfen, weil er 1552 an einem Überfall auf einen Warenzug Leipziger Kaufleute beteiligt war. 1553 hat er den Diener des viermündischen Schultheißen erstochen und 1564 infolge unglücklicher Umstände den Junker Johann von Viermünden erschossen. Sein Bruder Georg erstach in einem Streit den Junker Dietrich Schade aus Mülsborn. Sein Bruder Hillebrand wurde in Marburg ermordet, vermutlich von einem Junker von Scheuernschloß.

Auch das Liebesleben der von Dersch hätte Romanmotive liefern können. Am pikantesten ist wohl die Tatsache, daß die Schwiegermutter des Rabe von Dersch die Tochter der langjährigen Geliebten Landgraf Ludwig II. war, die einflußreicher als die legitime Ehefrau des Landgrafen das “Regiment“ im Schloß Spangenberg führte und die mit dem Landgrafen mehrere Kinder hatte, die den Namen “von Hessen“ trugen.

Wenn ein Sproß dieser Familie ein frommes Leben führt und sich redlich von seinen Ländereien nähret, das ist fürwahr erwähnenswert!

Es gibt noch eine Kirchenbucheintragung, die beachtet werden sollte. Im Münchhäuser Kirchenbuch finden wir 1652 zu Katharina Dersch, die mit Nikolaus Engel in Ernsthausen/Fkb. verheiratet war, folgende Bemerkung: “aus der berühmten Familie Dersch“. Ganz sicher ist das ein Hinweis auf ihre Abstammung aus der Adelsfamilie. Nun hält man Katharina für eine Nachfahrin von Heintz und Peter Dersch in Mellnau. Aber ihre Herkunft aus Mellnau wird in der Literatur als Vermutung angegeben. Das erlaubt auch andere Vermutungen. Unabhängig von der Frage, woher Katharina stammt, kann man ihre Abkunft von Heintz Dersch in Frage stellen. Die Kirchenbuchbemerkung “aus der berühmten Familie Dersch“ deutet nach meiner Meinung auf eine zeitlich nähere Verbindung zu der Adelsfamilie hin. Wäre Katharina eine Nachfahrin von Heintz Dersch, dann könnte ihr frühester ritterbürtiger Derschvorfahr ihr Ururgroßvater gewesen sein (Eltern unbekannt, vermuteter Großvater Peter Dersch, vermuteter Urgroßvater Heintz Dersch, frühester möglicher adliger Derschvorfahr Ururgroßvater). Fragen Sie einmal jemanden nach Beruf oder Stellung eines Ururgroßelternteiles. Da haben selbst familienkundlich Interessierte Schwierigkeiten, Auskunft zu geben.

Von welchem Zweig der adligen Dersch Katharina abstammt, läßt sich nicht sagen. Doch auch sie könnte in zweiter Generation von Johann von Dersch abstammen. Diese Aussage möchte ich nicht einmal als Vermutung gewertet wissen, nur als Möglichkeit andeuten. Sie wäre von der zeitlichen Nähe vom möglichen Vorfahren verständlich, und “berühmt“ wurde die Adelsfamilie Dersch eigentlich erst durch die Generation der kriegerischen Brüder.

Ich bin an die Prüfung der Frage nach der Möglichkeit, daß Johann von Dersch d.A. als Ahnvater bäuerlicher Derschfamilien angesehen werden kann, mit Skepsis herangegangen. Ich habe Indizien zusammengetragen, und vermutlich erkennt man eine Tendenz. Aber ich möchte es meinen Lesern überlassen, für sich selbst ihre Schlüsse zu ziehen.

Wenn es Unsicherheiten in Abstammungsfragen gibt, ist es nützlich, das gesamte genealogische Umfeld der Familie zu überprüfen. Welche Ergebnisse das in Bezug auf meine Derschvorfahren gebracht hat, werde ich nachfolgend darlegen. Ich denke, daß meine Erkenntnisse

zwar nicht eine Festlegung auf einen bestimmten Abstammungsweg erlauben, aber in Bezug auf die adlige Abkunft der Derschfamilien aussagekräftig sind.

(Zwischenbemerkung: Da in den Mitteilungen Dersch verschiedentlich aus meiner teilweise veröffentlichten Ahnenliste zitiert wurde, möchte ich darauf hinweisen, daß auch der Vorfahrenbereich meiner Ahnmutter Dersch vervollständigt werden konnte, aber auch berichtigt werden mußte. Berichtigung: Als Eltern des Johann Helwig Dersch, * Niederasphe,1712, + Wetter 1790, werden Michael Dersch jun. (gn.Dersch—Stal) und Anna Elisabeth Jesberg aus Obersimtshausen angesehen. Anna Elisabeth Jesberg war nicht seine Mutter. Sie war die erste Frau seines Vaters. Johann Helwig stammt aus der zweiten Ehe des Michael Dersch mit der Witwe Caspar Combechers, die eine Tochter des Deis Naumann aus Obersimtshausen war. In dritter Ehe war Michael Dersch—Stal mit Katharina Dersch, Tochter des Jakob Dersch aus Amönau verheiratet. Siehe genealogische Tafel III)

In früheren Zeiten hat man konsequenter “nach Stand“ geheiratet als heute. Neben wirtschaftlichen Erwägungen spielten auch gesellschaftliche Gesichtspunkte eine Rolle. Die Heirat war Standes— und Ansehensmaßstab. Daneben spielte bei der Partnerwahl die Konfessionszugehörigkeit eine dominierende Rolle. Nach kirchlichem Recht war sie durch das Heiratsverbot eine unüberwindliche Grenze. Betrachten wir unter diesem Gesichtspunkt die Vorfahren meiner Ahnmutter A.M.K. Dersch, dann stoßen wir auf einige Auffälligkeiten. Unter ihren Vorfahren befinden sich einige verbürgerlichte Adelsfamilien; aus dem Nassauischen die Achenbach und die Langenbach, aus Eschwege die Stange (Falanga) und vom Nachbarschaftsadel die Linne.

Eine weitere interpretierwürdige Auffälligkeit ist die Hinneigung oder vorsichtiger geäußert, eine ausgeprägte Toleranz gegenüber der reformierten Konfession. Sie kommt mit der Heirat des Wetschersohnes Hans Dersch mit Elisabeth Stal aus Niederasphe in diesen Dersch zweig. Auch die Schwiegermutter seines Sohnes war eine Stal.

Aus Heldmanns Geschichte des Geschlechtes Dersch erfahren wir, welche Bedeutung die Stal in der dersischen Geschichte gespielt haben. Johannes Stal ‚ “des Junkers Schreiber calvinista“,“dersicher Diener“, “Schultheiß“, “Amtsverweser“ wird als die treibende Kraft bei den dersischen Aktivitäten, die reformierte Konfession zu fördern, dargestellt. Ein verwandtschaftlicher Zusammenhang des dersischen Beamten mit den Niederaspher Stal erscheint wahrscheinlich. Eine Ehe zwischen den Dersch und den Stal bei gleichzeitiger Hinwendung zum Calvinismus könnte auch ein Indiz dafür sein, daß diese nichtadligen Dersch aus den Reihen der mit dem Calvinismus verbundenen Dersch stammen, und das wiederum waren die Nachkommen des Rabe von Dersch. Die reformierte Tendenz hält über einige Generationen. Johann Hel­wig Dersch heiratet (1747) die Tochter des aus Eschweger reformierter Familie stammenden, späteren Bürgermeister von Wetter Georg Groß, seine Tochter den ebenfalls reformierten Schreinermeister und Unterbürgermeister von Wetter Johann Christian Völk. Der heiratete in II. Ehe Johanna Augusta Louisa Orth, Tochter des reformierten Pfarrers Ernst Philipp Orth aus Hermannrode, einem Nachfahren des Philipp Orth, der mit Margarethe von Biedenfeld verheiratet war. Das ist deswegen interessant, weil die Mutter der Schwiegermutter der Anna Margarethe Katharina Dersch, Maria Elisabeth Born, eine Tochter des aus Niederwetterscher Familie stammenden, in Wetter begüterten Verwalters von Wiesenfeld, Johann Gebhard Born, ist. Der war mit einer Agricola verheiratet, einer Nachkommin des Pfarrers Volprecht Agricola/Fuhrmann, der u.a. von Rabe von Dersch zum Pfarrer von Niederasphe präsentiert wurde. Seine Frau war Andergeschwisterkind zu Philipp Orth, wohl dem, der mit Margarethe von Biedenfeld verheiratet war. Volpert Agricola / Fuhrmann dürfte ein (naher) Verwandter des Wetterschen Pfarrers Decius Fuhrmann gewesen sein, dessen reformierte Gesinnung durch seine enge Verbindung zu den Schweizer Reformatoren außer Frage steht.(Wenckebach: Zur Geschichte der Stadt, des Stiftes und der Kirche zu Wetter in Hessen)

Rabe von Derschs Vater war ein Volpert, einer seiner Söhne hieß Volpert, und der Bruder seines Großvaters war ebenfalls ein Volpert. Volpert war ein “Leitname“ in der Familie von Dersch. Ansonsten war dieser Vorname in diesem Gebiet bei Bauern— und Bürgerfamilien äußerst selten. Der Pfarrer, den Rabe von Dersch als Pfarrer für Niederasphe präsentierte, war ein Volpert. Das sind Auffälligkeiten, die Zufall sein können, aber durch die Häufung möglicher Zufälle doch Bedeutung erlangen. Besteht hier möglicherweise eine verwandtschaftliche Beziehung? Volperts Herkunft väterlicherseits aus der Wetterschen Bürgerfamilie Mog—Fuhrmann ist bekannt. Die Familienzugehörigkeit seiner Mutter kennen wir nicht.

(Zwischenbemerkung —ohne direkten Bezug auf eventuelle Verwandtschaftsbeziehungen des Volpert Agricola / Fuhrmann—: In den Stammfolgen der Adelsfamilien sind bis in das ausgehende Mittelalter hinein die Töchternachkommen, wenn sie nicht gerade Erbtöchter waren, nur selten erfaßt. Sie begegnen uns als Ehefrauen in anderen Adelsfamilien, oft ohne, daß wir sie einem bestimmten Elternpaar zuordnen können. Längst nicht alle, die keinen Adelspartner freien konnten, wurden im Kloster oder im adligen Jungfrauenstift “begraben“. Eheschließungen mit bürgerlichen Partnern kamen vor. Bei den bürgerlichen Familien, deren Angehörige als “Beamte“ oder als vermögende Grundbesitzende in den Städten urkundlich in Erscheinung treten, kann man das nachweisen. Die Orth z.B. heiraten Frauen aus den Familien: von Sassen, von Petershain, von Biedenfeld, von Dorlar, von Twern. Und Ludwig Orth (1464—1535 war in erster Ehe mit einer unehelichen Tochter des Landgrafen Heinrich III. von Hessen verheiratet.) Wir sehen, daß es viele Hinweise auf einen Zusammenhang der nichtadligen Dersch zu der Ritterfamilie “von Dersch“ gibt.

Die Ehepartner der ersten Derschgenerationen stammen aus den ältesten und vermögendsten Bauernfamilien. Das Bauernblut der bodenständigen alten Bauernfamilien des Landes kommt über die Mütterlinien in die Adern der Dersch. Die Derschtöchter geben das Ahnenerbe an die Familien weiter, deren Ahnmütter sie werden. Die Stammfolge Dersch zeigt einige dieser Wege auf. Sie soll der Beginn einer Arbeit sein, die — wie ich hoffe — mit Hilfe zusätzlicher Quellen von anderen weitergeführt wird.

 

Benutzte Quellen: Kopie des ältesten Kirchenbuches der evangelischen Kirchengemeinde zu Treisbach;

Kopie des ältesten Kirchenbuches der evangelischen Kirchengemeinde zu Niederasphe;

Dr. Karl Heinrich Schäfer: Zur Geschichte der Ortschaften im Amte Wetter vor dem 17.Jahrhundert; Karl Wenckebach: Zur Geschichte der Stadt, des Stiftes und der Kirche zu Wetter in Hessen Mitteilungen der Familie Dersch (jährlich ab 1978)

 

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